Dienstag, 26. April 2011

Froehliche Ostern!!

Hallo meine Lieben!

Ich wuensche euch alle ganz froehliche und gesegnete Ostern! Und natuerlich vermiss ich euch auch alle. Als wir heute mit zwei Freunden, die uebrigens spitzen Miturlauber sind - ja, genau, ich bin schon wieder am Reisen - im Matatu von Nyakuri nach Nyahururu gefahren sind, hat mich meine geliebte Familie angerufen. "Hallo Ruth, wir wollten dir frohe Ostern wuenschen. Alle sind da, nur du fehlst." Ja, da bekommt man dann doch ein bisschen Sehnsucht nach dem schoenen Deutschland (auch wenn ich mich wahnsinnig darueber gefreut hab, dass ihr mich angerufen habt!!). Auch gestern abend hab ich die ganze Zeit an die KARO gedacht. Wie schade, dass man im Leben manchmal was verpassen muss, so ist das im Leben. Aber trotzdem geht es mir sehr gut! Wir schaffen es, Ostern ganz gekonnt, so wie wir das schon mit Weihnachten gemacht haben, zu ignorieren und geniessen aufregende Afrikalandschaften.
Davon koennt ich jetzt eine ganze Menge erzaehlen, aber ich bin in so einem bloeden Internetcafe in einer Stadt von der ich so keine Ahnung hat und wos bald dunkel und gefaehrlich wird. Deswegen verschieb ich das ersteinmal auf spaeter und hoffe, dass ihr alle einen wunderschoenen Tag habt!

Ich denk an euch, ganz viele schoene Keniahochlandsgruesse (Alter, ich kann wirklich wieder einen Pullover anziehen, wie geil!! und manchmal REGNETS!)

eure Ruth

Montag, 4. April 2011

Krumme Dinger

Achtung, das ist eine Vorwarnung. Dieser Artikel wird sehr lang. Nur damit ihrs wisst und nicht zwischendurch einschlaft, also erstmal Kaffe kochen?

Nachdem ich letztens schon ein paar Sachen ueber meine Schule erzaehlt habe, sehe ich es schon wieder fuer notwendig an, das zu tun.
Leider haben sich naemlich bei uns ein paar Dinge geaendert, die mir das Leben als Lehrerin grade nicht besonders einfach machen.
Jeden Dezember sind in Kenia die grossen Sommerferien, womit auch das Schuljahr endet und bevor die Schule geschlossen wird gibt es immer ein kleines Fest am letzten Tag. An unserer Schule ist es ueblich, dass die Eltern fuer die Lehrer, die ja freiwillig arbeiten und keinen Lohn dafuer bekommen, Geld einsammeln, dass diese wenigstens ueber Weihnachten zu ihren Familien fahren koennen. Das wurde auch letzten Dezember so gemacht, nur dummerweise, so hat sich das im Nachhinein rausgestellt, hat eine Kollegin von mir, die zu einer sehr guten Freundin geworden ist, nur umgerechnet 3 Euro bekommen, anstatt 7 oder sogar mehr als 10, so wie die Anderen. Als ich sie grfragt habe, wie es dazu kommt, musste ich mir eine sehr traurige Begruendung dazu anhoeren: Unser Schuloberhaupt geht davon aus, dass sie von mir Geld bekommt. Oh nein, das konnte ich wirklich nicht glauben. Das Leben als “Mzungu” (der Weisse, der ganz viel Geld hat, so unendlich viel Geld, dass er es eigentlich auf der Strasse buendelweise verschenken koennte) ist so schon nicht einfach, aber dass es jetzt auch das Leben meiner Kollegin, die ich als meine beste kenianische Freundin ansehe, erheblich erschwert, wollte ich wirklich nicht.
Ich hab mit ihr ueber die Sache gesprochen: In der Schule komme ich eigentlich mit Jedem gut zurecht und hatte auch immer das Gefuehl, dass es bei ihr nicht viel anders ist. Also wieso sollte sie jetzt wegen unserer Freundschaft so anders, so ungerecht, behandelt werden? Leider musste ich es irgendwann einsehen: Viele unserer Kollegen, vorallem wohl unser Schulkoordinator, seien sehr neidisch und eifersuechtig auf sie. Es ist ein grosses Privileg, mit einem Mzungu befreundet zu sein und jeder will es auch sein, das ist wohl auch der Grund, warum man immer auf der Srasse angesprochen und uebertrieben freundlich gegruesst wird. Nun, die Leute denken wohl tatsaechlich, dass das Geld bei uns auf den Baeumen waechst und wir alles, was wir haben, ganz gerecht mit unseren Bekannten und Verwandten teilen, wer will dann also nicht mit einem Europaeer befreundet sein.
Das zwischen meiner Kollegin und mir ist aber einfach nur eine Freundschaft, ich gebe ihr nur dann Geld, wenn sie wirklich am Ende ist und nich mehr weiss, wie sie sich die naechste Mahlzeit organisieren soll (das ist nunmal noch nicht oft vorgekommen), nur denken unsere Lehrer eben etwas anderes und nun muss sie unter dem Druck unseres Management leiden. Und man merkt es wirklich, dass sie ungerecht behandelt wird. Ein Beispiel:
Da wir beide uns als kinderliebende Menschen einig geworden sind, dass es nicht richig ist, die Schueler zu schlagen, haben wir uns andere Erziehungsmethoden ausgedacht. So muss Juma, wenn er wieder einmal zu spaet kommt, erst einmal mehrere Runden ueber den Hof rennen, bevor er den Klassenraum betreten darf. Die naechsten Tage kommt er dann auch meistens puenktlich.
Einmal hat die Klasse von Madam Eva ganz schoen Radau gemacht und als sie dann gestrichen die Schnauze voll hatte, mussten sich alle Kinder auf den Schulhof knien und die Haende in die Luft halten. Auf einmal kam unser Schuldirektor wie vom Teufel getrieben angerannt, hat alle Schueler zurueck in die Klasse geschickt und rumgebruellt, das hab ich vorher noch nicht erlebt. Er konnte nicht einmal mehr bis zur Mittagspause warten und hat sofort alle Miarbeiter der gesamten Schule zusammengerufen und eine Sitzung veranstaltet. Total aus dem Haeuschen hat er sich vor Allen tierisch aufgeregt und Madam Eva vor der gesamten Kollegschaft klein gemacht. “Ich dachte, du waerst eine gute Lehrerin, ich dachte, ich koennte dir die Kinder anvertraun, ich haette nie gedacht, dass du zu so etwas Unmenschlichem in der Lage bist.” Dann hat er den aeltesten Lehrer unserer Schule gefragt: ”Hast du soetwas Grausames in deinem gesamten Lehrerdasein schonmal erlebt?”. “Natuerlich nicht, das ist Folter!” Es wurde aufs Uebelste auf sie eingehackt, wie sie das schlucken konnte ist mir immer noch ein riesen grosses Raetsel.
Und jetzt zur Aufklaerung, was denn eigentlich das Schlimmste an der ganzen Geschichte gewesen sein sollte: Die Mittagshitze und der Sand, auf dem die Kinder knien sollten, waeren ja viel zu heiss und eine Zumutung.
Ich konnte es nicht glauben, ich konnte einfach nicht glauben, dass sie das, was sie gesagt haben, wirklich ernst gemeint haben! Ich habe die Kinder mit eigenen Augen gesehen; nach ihrer Bestrafung sind sie froehlich singend und springend in die Klasse gehuepft und haben weiter ordentlich Krach gemacht. Folter?? Ich sag euch, was Folter ist, was wir als Unmenschlich und Grausam bezeichnen wuerden: Wenn die Kinder wegen banalen oder sogar unvermeidlichen Kleinigkeiten mit einem Rohrstock so doll auf die Finger geschlagen werden, dass diese am naechsten Tag noch rot sind. Wenn der Hosenboden versohlt wird, dass sie schreien vor Schmerzen, weil es nicht mehr zu unterdruecken ist. Wenn Kinder von der ganzen Klasse – angestachelt vom Lehrer – ausgebuht werden, dass sie mit den Nerven am Ende sind und einfach nur ohne Ende heulen. Das nenne ich Folter, das ist das, was die Kinder jeden Tag ertragen muessen, das wird hier “Erziehung” genannt.
Der Versuch meiner Freundin, die Kinder zu erziehen, ging daneben, aber es war nicht mit Absicht, es war nur gut gemeint.
Als ich in dieser Lehrerversammlung sass und vergebens versuchte, meine Meinung zu erklaeren und Madam Eva zu verteidigen, wurde ich nur irgendwann, so wie das in der kenianischen Kultur eben gemacht wird, frauenverachtend wie wir nun einmal sind, unterbrochen und abgewuergt. Es wollte niemand hoeren. Diese Lehrerin hat etwas Schlimmes gemacht, aus Prinzip wird sie jetzt noch mehr benachteidigt. Der Direktor hat gesprochen. Punkt. Aus. Ende.
Das gibt es nicht, das kann nicht sein! Was ist da grad passiert? Ich sass da, ich konnte es einfach nicht glauben. Ich habe am ganzen Koerper gezittert, mir war schlecht und schwindelig. Diese Frau wollte das Beste fuer die Kinder, sie ist jemand, der wirklich gut mit ihnen umgehen kann, eine spitzen Lehrerin, hier wurde sie dafuer aufs Uebelste gedemuetigt und zwar nur, weil jemand neidisch auf sie ist, weil sie das hat, was die Anderen auch haben wollen. Und was ist der Grund? – meine Haufarbe, nur irgend ein bescheuertes Weiss, was ich mir schon so oft als Schwarz gewuenscht habe.
Wie sehr mir das Leid tut kann ich nicht beschreiben, auch wenn ich eigentlich nichts dafuer kann. Manchmal wuensche ich mir einfach nur, dass ich nie in diese Schule gekommen waere, dass ich nie so ein grosses Chaos in dieses kleine Dorf gebracht haette mit meiner Haufarbe. Wie soll man da noch an den Sinn der eigenen “Entwicklungsarbeit” glauben?
Warum Madam Eva nicht einfach die Schule wechselt und woanders ihr Geld verdient, was sie bei uns ja gar nicht bekommt? Weil unser Direktor fuer sie einen Sponsoren gefunden hat, der ihr das College bezahlt, was sie alleine niemald tragen koennte. Dieser wuerde mit einem Schulwechsel natuerlich wegfallen und wer einmal in Kenia war weiss, was Bildung bedeutet. Sie selber beschreibt ihre Situation als Gefaengnis, in dem sie gefangen ist, in dem sie jeden Tag neu gequaelt wird. “I’m not in peace with this place.” Ja, das kann ich sehr gut verstehen, umso schlechter fuehl ich mich, wenn ich an die Ursachen denke.
Was mache ich hier eigentlich? Schon so oft habe ich gemerkt, dass die Menschen in diesem Dorf mit meinem Dasein absolute nicht umgehen koennen. Viele gucken mich, so habe ich das Gefuehl, immer noch mit einem abwertenden Blick an, manche schreien mir jedes Mal “Mzungu, how are you? I love you!” zu, obwohl sie mich seit acht Monaten jeden Tag sehen und eigentlich langsam verstanden haben muessten, dass ich kein Tourist bin, sondern da arbeite. Das Kind des Headmasters faengt an zu heulen wenn es mich sieht.
Manchmal denke ich, dass viele arme Menschen hier mit ihrem Zustand viel besser zurecht kommen wuerden, wenn sie nicht den direkten Vergleich zu den reichen Menschen haetten. Wir Weisse gehoeren da dazu, vielleicht sollten wir einfach zurueck in unser Land gehen, und die Menschen ihren eigenen Weg finden lassen. Haben wir hier nicht schon genug zerstoert mit den Jahren?

Meine Kollegin faengt nach den Aprilferien vielleicht doch in einer anderen Schule an, wo sie mehr verdient und sich das Studium doch selbst finanzieren kann. Zum Leben bleiben ihr dann fuenf Euro im Monat, was sie aber locker hinnehmen kann, wenn sie dafuer aus dieser Hoelle wegkommt.

Viele andere kumme Dinger haben sich mittlerweile in dieser Schule noch herausgestellt. Zum Beispiel wurde vor ein paar Wochen eine Lehrerin mit fuenf Euro ausgezahlt (manchmal gibt es eine kleine Belohnung, wo die Lehrer insgesamt im Monat auf sieben bis acht Euro kommen), wo andere Kollegen nur einen oder zwei Euro bekommen haben. Wie lange das schon so laeuft weiss ich nicht, aber diesmal kam es ans Licht und als der Direktor bemerkte, dass die anderen Lehrer von dieser Ungerechtigkeit mitbekommen haben, wurde wieder eine Sitzung zusammen gerufen. “ Derjenige, der gepetzt hat, sollte sich was schaemen und die Sache sofort zugeben. Ausserdem muss er sich vor allen Kollegen dafuer entschuldigen.” Moment – was ist jetzt der Fehler? Die Angestellten (bitte nicht vergessen, dass niemand bezahlt wird und alle ehrenamtlich arbeiten) ungerecht behandeln oder mit seinen Freunden ueber die heutige Auszahlung quatschen? Letzteres natuerlich. Natuerlich! Warum bin ich immer zu bloed, diese Geschichten hier zu verstehen?
Ich glaube, es war die Frau vom Schulkoordinator, was wohl auch der Grund war, warum die Geschichte irgendwann begraben wurde. Connections sind alles in Kenya!

Ich koennte euch noch einige Storries aus der Schule erzaehlen, aber dazu reichen meine Nerven jetzt nicht mehr. Manchmal bin ich wirklich am Ende. Dazu kommt auch immer wieder, dass ich immer noch nicht in der Lage bin, Kiswahili zu sprechen, was ewig ein Problem fuers Unterrichten sein wird. Ausserdem kommen staendig neue Schueler in meine Klasse, die sich ersteinmal an mich gewoehnen muessen (warum es etwas anderes ist, einen weissen, anstatt einen schwarzen Lehrer vor sich stehen zu haben, erklaer ich an dieser Stelle nicht noch einmal – ja, wir Weissen sind ANDERS).
Die Probleme vom Anfang meines Jahres sind zwar um Einiges geschrumpft, aber nicht verschwunden und wenn es dann alles wieder mal auf einmal kommt, kann einem das schon saemtliche Kraft stehlen.
Dann brauch ich mir nur das Chaos in der Schule ansehen, Unpuenktlichkeit, Unzuverlaessigkeit, Unorganisiertheit und eine Portion Kinderverpruegelung, dann wars das. Dann ist bei mir Schicht im Schacht.
Als zum Beispiel neulich eine Mutter in die Schule kam und mit einem zwei Meter langem, fuenf bis zehn Zentimeter dickem Holzknueppel immer und immer wieder auf ihren sieben jaehrigen Sohn eingepruegelt hat, ihn ueber den Schulhof gezerrt hat und alle zwei Meter erneut auf den schreienden, heulenden Malaba eingedreschte, hab ich wieder einmal daran gezweifelt, dass ich das gerade in Wirklichkeit erlebe. Ich wusste nicht, das Eltern zu soetwas faehig sein koennen.

Ich bin sehr dankbar, dass ich hier Leute habe, die mich verstehen und immer wieder aufbauen. Wenn es manchmal ganz schlimm ist, muss ich vor Arbeitsschluss nach Hause gehen und vielleicht auch einen Tag aussetzen, damit ich ueberhaupt irgendwann wieder Kraft finde. Und jetzt bin ich ganz ehrlich: Ich habe auch schon einmal darueber nachgedacht, das Projekt zu wechseln und nicht mehr in diese Schule zu gehen. Zum Glueck konnte mich igendetwas immer wieder aufbauen und mir neuen Mut geben, denn ich mag meine Kinder einfach zu sehr, als dass ich sie missen muesste.

Und zum Abschluss noch etwas Schoenes: Sie moegen mich offensichtlich auch sehr gern. Wenn ich am Morgen meinen einen Fuss ins Schulgelaende setze kommt die halbe bis ganze Klasse auf mich zugestuermt, um mich zu umarmen, mir Hallo zu sagen und die Tasche abzunehmen. Komm ich dann in die Klasse, fangen sie schon meistens von alleine an zu singen – die Lieder, die ich ihnen beigebracht habe, und finden es auch immer wieder sehr cool, wenn ich mit einem Neuen ankomme. Als ich jetzt manchmal schon eher gehen musste, um noch andere Sachen zu erledigen, haben sie mich zehn Minuten lang gebettelt, doch bitte bitte bitte noch laenger zu bleiben und erst abends zu gehen. “Oh Madam, du darfst jetzt nicht gehen, Madaaam!” Ja, das tut gut und deswegen nervt es mich auch, dass mir mein Arzt zwei Wochen Bettruhe verordnet hat und jetzt nahtlos vier Wochen Ferien beginnen. Kinder sind etwas Wunderbares, vorallem meine Kinder!

Meine Erfahrungen und Erlebnisse hier in Afrika haeufen sich immer mehr und auch wenn ich mich hier voellig eingelebt habe ist jeder Tag noch etwas Besonderes, was mir viel mitgibt.

Ich hoffe, ihr denkt jetzt nicht, dass es mir schlecht geht, so ist es naemlich absolut nicht! Ich fuehl mich pudelwohl und ich hoffe, ihr tut das auch!
Uebrigens bin ich wirklich neidisch auf euer Fruehlingswetter, wenns die Sonne so dermassen uebertreibt ist es manchmal echt nicht mehr lustig (das war uebrigens auch der Grund meiner Bettruhe und der 14 Tabletten pro Tag…)

Ganz viele liebe Mombasagruesse sendet euch
die Ruth