So, jetzt ist mal wieder Zeit für einen Blogeintrag.
Gerade ist Samstag Abend und ich bin sehr geschafft, weil ich in letzter Zeit wirklich viel unterwegs bin. Früh geh ich gegen 6:15 Uhr auf Arbeit und komme gegen 5 wieder, meistens is die Zeit zu knapp, um noch nach Hause zu gehen und deswegen lauf ich direkt zum Büro, wo wir Kiswahiliunterricht haben, wenn wir dann mit Nina und Manuel noch ein bisschen gequatscht haben und ich dann in meiner Gastfamilie ankomme ist es meistens gegen 8 oder 9. Zeit zum Tagebuch schreiben oder lesen bleibt meistens nicht mehr, weil ich mir ein Bett mit meiner Gastmutter teile und wenn sie ins Bett geht muss ich meistens auch, ausserdem ist dann kein Zimmer mehr frei, wo ich sitzen kann, denn in den anderen Zimmern schlafen meine Gastschwestern und damit ist kein Platz mehr für mich, um abends noch was zu machen. Eine kleine 2-Raumwohnung ist eben ziemlich wenig für sechs Leute, aber wir kommen damit gut zurecht, man muss sich eben sehr an die anderen anpassen, aber das ist wirklich okay so.
Allgemein ist es ziemlich krass, in einer muslimischen Familie zu wohnen, weil man jeden Tag Dinge erfährt, von denen man nicht dachte, dass es wirklich wahr sein kann.
Heute wurde mir zum Beispiel erzählt, dass bei einer Hochzeit Männer und Frauen getrennt feiern. Mittags sitzen die Männer zusammen und essen und abends tanzen die Frauen, selbst Braut und Bräutigam sind getrennt zu ihrer Hochzeit, denn wenn ein Mann unter den Frauen am Abend wäre, dann könnten sie nicht ausgiebig tanzen und Spaß haben. Der Bräutigam holt seine Braut dann irgendwann ab und sie fahren alleine nach Hause. Aber wehe, Männer und Frauen, die nicht verheiratet sind, kommen in Kontakt miteinander. Natürlich gibt es im Islam auch keine Beziehungen vor der Ehe und als ich gefragt hab, wie man dann seinen richtigen Partner finden soll, ohne ihn vorher kennen zu lernen (selbst bei Familienfeiern sind Männer und Frauen meistens getrennt) wurde mir gesagt, dass man sich (einfach) einen raussucht – da erklärt sich natürlich von selbst, warum die Männer viele Frauen heiraten.
Was mich auch noch ziemlich schockiert hat war, dass eine Frau, die in ihrer Periode ist, unrein ist und damit nicht beten, nicht fasten und den Koran nicht anfassen darf. Außerdem gehen die Muslime normalerweise nicht in die Disko, weil die Musik „böse“ ist. Dass sie das aber nur sagen und Einige trotzdem gerne tanzen gehen, hab ich mittlerweile schon rausgefunden.
Und auch so ist das Familienleben natürlich total anders als ich es bisher gewohnt war. Zum Beispiel werden die Afrikaner ganz schnell laut beim Reden, zum Anfang dachte ich immer, dass sie streiten, aber das stimmt so nicht, das ist wohl einfach ihre Art zu kommunizieren. Sie verbringen hier auch ganz viel Zeit zusammen, meistens abends und meistens auch vor dem Fernseher, mein Problem dabei ist noch zur Zeit, dass ich nich richtig an den Gesprächen teilnehmen kann, weil sie normalerweise Kiswahili reden, obwohl ich ja sowieso nicht so viel da bin.
Wenn ich es schaffe, dann geh ich sonntags in die Kirche. Das ist dann das Auftanken für die nächste Woche und es ist so genial. Die Menschen stehen zum Singen auf, damit sie besser klatschen und tanzen können und die Kirche ist voll von begeisterten Afrikanern, die während der Predigt „Amen“ und „Hallelujah“ rufen. Meistens singen drei bis vier verschiedene Chöre und als wir das erste mal da waren, sollten wir uns vorstellen und auf ein paar Kiswahilisätze und die Ansage, dass wir für ein Jahr da sind, um armen Menschen zu helfen, haben die Leute begeistert mit Applaus geantwortet. Für mich ist es total faszinierend, wie total die Menschen mit ihrem Herzen dabei sind und ihren Glauben leben. Auch außerhalb der Kirche kriegt man das immer wieder zu spüren, denn man wird immer mal wieder gefragt, ob man Christ oder Muslim ist; zu sagen, dass man nicht an Gott glaubt, würde hier nie in Frage kommen. Davon bin ich wirklich begeistert.
Außerdem geh ich jetzt ab und zu (immer, wenn ich es schaffe) in die Gospelchorprobe, die wirklich anders ist, als ich es gewohnt war. Im letzten halben Jahr haben die eine CD aufgenommen und proben gerade Tanzschritte ein, um im Februar eine DVD zu veröffentlichen. Mitzutanzen macht richtig doll Spaß, auch wenn ich sehr viel aufholen muss, weil die schon viel können, aber ich hab schon viele Komplimente bekommen. Wir rennen und springen die ganze Zeit und man kommt richtig ins Schwitzen. Vielleicht trete ich dem Chor auch bei, auf jeden Fall wurde ich schon oft herzlichst eingeladen. Wenn die Kiswahililessons irgendwann wegfallen, würde der Chor dann an die Stelle rücken.
Letztes Wochenende waren wir mit Nina in Malindi, um zwei weitere Deutsche von AFS zu besuchen, die dort wohnen. Am Samstag waren wir bei Terrys Familie zum Mittag eingeladen und nachmittags haben wir bei Merlin zu Hause einen Obstsalat gemacht. Da ich bei Merlins Familie zu Gast war, haben wir abends zusammen Nudeln gegessen – nach sechs Wochen Nudelpause tat das wirklich richtig richtig gut! – und abends waren wir mit ihren Eltern, die gerade mal 25 und 26 Jahre alt sind, in der Disko, um bis um drei in der Nacht zu tanzen.
Ein Wochenende in einer anderen Gastfamilie hat mal gezeigt, wie unterschiedlich die Afrikaner auch sein können und es war total schön, das andere (christliche) mal kennen zu lernen.
Am Sonntag waren wir am Strand und ich war das erste Mal baden. Der Indische Ozean ist wirklich salzig! Nachdem wir noch ein bisschen durch die Stadt geschlendert sind, war das Wochenende – leider, leider, leider – auch schon wieder vorbei.
Mittlerweile hab ich mich wirklich eingelebt und die Zeit geht so schnell rum. So viele Sachen sind jetzt normal geworden. Ich brauch zum Beispiel gar keine Panik mehr beim Matatu fahren zu haben (zumindest nicht die ganze Zeit) und wenn ich in den Spiegel gucke, wundere ich mich, weiße Haut zu sehen. Außerdem kenne ich jetzt schon die besten Stände wo man Mahamri kaufen kann und weiß ungefair, wo man beim Obstkaufen auf dem Markt am meisten beschissen wird. Die Sonne macht mir immer noch jeden Tag gute Laune und die Röcke, die man als Frau jeden Tag tragen sollte, sind total praktisch und bequem.
Außerdem komme ich immer häufiger ins Gespräch mit Leuten, die ich auf der Straße treffe, auch wenn ich vielleicht mal mehr über deutsches Fußball lernen sollte, denn die meisten Afrikaner wissen hier mehr darüber als ich.
Auch die Liebes- und Heiratsanträge häufen sich und meistens ist es echt zum Lachen, wenn mir zum Beispiel jemand auf der Straße hinterher ruft: „Ah, how are you? I love you!“ oder wenn ich ins Matatu steige und auf einer von rechts kommt “Oh, I love you so much, when I see you than my heart goes down!“ (Dabei darf man nicht vergessen, dass diese Menschen mich vorher noch nie gesehen haben)...
Ihr seht, mir geht’s gut in Kenia und ich fühle mich unheimlich wohl!
Was gibt’s so neues aus Deutschland?
Liebe Grüße aus Afrika und bis bald, die Ruth
krasse scheiße!
AntwortenLöschendu erlebst ja Sachen. ich glaub, ich würde an deiner Stelle Platzangst bekommen. aber schön zu hören, dass es dir gut geht
PS: danke für die Überschriften ;-)